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12. Oktober 2021

„Wir alle kennen diese „What the fuck?“-Momente“

„Wir alle kennen diese „What the fuck?“-Momente“

Anna Alex ist Climate-Techie durch und durch und gehört zu den inspirierendsten Frauen in der Technik. Nachdem sie 2012 gemeinsam mit Julia Bösch Outfittery gründete, entschied sie sich Anfang 2020 für einen grünen Tapetenwechsel – und rief kurzerhand zusammen mit Benedikt Franke das Technologie Start-up Planetly ins Leben. Am 20. Oktober 2021 ist sie als Keynote-Speakerin zu Gast auf der Amagno.Connect und sprach vorab mit Amagnos Pressesprecherin und Green-Team-Member Jana über Frauen in der Green-Tech-Branche, ihr Engagement bei „Leaders für climate action“ und die Balance zwischen Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit.

Jana Treptow: Anna, du bist Green-Tech-Unternehmerin und giltst gleichzeitig als eine der inspirierendsten Frauen in der Technik. Welche Charaktereigenschaften müssen Green-Tech-Unternehmensgründer heutzutage mitbringen?

Anna Alex: Erfreulicherweise liegt der Anteil von Green-Tech-Gründerinnen sehr viel höher als im Durchschnitt. Im Durchschnitt sind es 15 Prozent Female Founders und im Green-Tech-Bereich glaube ich sogar 30 oder 35 Prozent. Gleichzeitig ist es ein Umfeld, in dem Diversität nochmal größer geschrieben wird, weil dort das Verständnis herrscht, dass die Entscheidungen besser sind, je diverser die Teams und ihre Backgrounds sind. Da die Klimakrise auch sehr viel mit sozialen Problemen zu tun hat, ist es nicht nur eine Umweltkrise, sondern auch eine Sozialkrise. Diejenigen, die sozial benachteiligt sind, werden durch diese Krise noch viel, viel stärker getroffen als andere. Ich glaube, dieses Gespür für Ungerechtigkeit und soziale Probleme ist in diesem Bereich viel stärker ausdifferenziert als es in anderen Feldern der Fall ist. Es wäre schön, wenn die Climate-Tech-Welle das Potenzial hat, unsere gesamte Start-up-Szene diverser zu machen und dem Female-Founder-Anteil einen Boost zu verleihen.

Was war dein persönlicher Moment, in dem du realisiert hast: „The climate crisis is real“?

Das ist eine gute Frage. Darüber habe ich neulich noch nachgedacht. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich als kleines Kind immer höchst fasziniert war, als wir mit dem Auto an den riesigen Verbrennungsanlagen vorbeigefahren sind, die nachts mit Neonröhren beleuchtet waren. Ich habe diese riesigen Schornsteine betrachtet, gestaunt und mich gleichzeitig gefragt: „Wo geht das bloß alles hin? Das muss doch irgendwo bleiben und kann nicht einfach so im Nichts verpuffen.“ Das war das allererste Mal, dass ich so ein Störgefühl empfand und schon als Kind merkte, dass da irgendwas nicht stimmt. Dann wurde ich älter und hörte auf, mir diese Fragen zu stellen, die mich als Kind so beschäftigt haben.

So richtig bewusst wurde mir diese Klimathematik erst wieder 2018. Damals war ich noch bei Outfittery und habe mich den „Leaders for climate action“ angeschlossen und begonnen, mich nochmal mehr mit den Klima-Zahlen zu beschäftigen. Dabei ist mir aufgefallen, dass da einiges nicht zusammenpasst, weil die Wissenschaft das eine sagt und wir das andere tun. Ich kann mich noch an den riesen Brand im Amazonas erinnern, als mein Mitgründer Benedikt und ich 2019 beim Lunch saßen und die Bilder von dieser brennenden Schönheit am anderen Ende der Welt sahen. Uns kamen Bilder von sterbenden Tieren und Unmengen von CO2-Wolken in den Sinn. Das war dann der Initialmoment, in dem uns bewusst wurde, dass es jetzt an der Zeit ist, etwas zu tun. Mit der Idee, eine Software zu entwickeln, die den CO2-Fußabdruck von Unternehmen misst und sie dabei unterstützt, klimaneutral zu wirtschaften, haben wir eine Möglichkeit geschaffen, aktiv etwas zu bewegen und nicht nur dazusitzen und zuzuschauen.

Du bist ein Teil von Leaders für climate action. Wieso findest du es so wichtig, dich dem anzuschließen?

Der ausschlaggebende Grund war die Erkenntnis, dass Klima ein total wichtiges Thema ist und wir als Unternehmen eine größere Hebelfunktion besitzen, als wir uns manchmal selbst eingestehen wollen. Vor zwölf Jahren war die Start-up-Szene winzig klein und man konnte sich hinter seinem kleinen Unternehmen verstecken und die großen Konzerne den ersten Schritt zu mehr Nachhaltigkeit machen lassen. Heute sind die Start-ups von damals im DAX von heute und natürlich bringt das eine gewisse Verantwortung mit sich. Wir können uns heute nicht mehr hinter unserem Start-up-Charakter verstecken und sagen, dass wir keinen Impact haben – denn das stimmt schlichtweg nicht.  Wir können Sachen in unserer Position der „Jungen Wilden“ von Grund auf anders denken. Gerade in der aktuellen Situation, in der sehr viel Venture Capital im Markt ist und Gründer*innen mit guten Ideen damit sehr viel Kapital zur Verfügung steht, ist das der beste Zeitpunkt, diese Möglichkeiten zu nutzen und die Dinge neu zu denken.

Wie kam der Sprung von einer sehr von Konsum geprägten Branche, wie es bei Outfittery der Fall ist, zu einem verantwortungsvollen Engagement namens Planetly?

Ich glaube, uns allen war dieses Thema viele Jahre nicht so bewusst, wie es hätte uns bewusst sein sollen. Da spreche ich wahrscheinlich für viele und mich definitiv eingeschlossen. Wenn ich an die Anfangszeiten von Outfittery zurückdenke oder auch davor Zalando, hat vor zehn Jahren kein Mensch über Nachhaltigkeit gesprochen, geschweige denn sich darüber Gedanken gemacht. Ich glaube, dieser Bewusstseinswandel ist unglaublich wichtig. Da ich mich schon immer für das Thema interessiert habe, habe ich mich auch schon früh der Initiative „Leaders for climate action“ angeschlossen und gehörte dort mit zu den ersten, die sich Gedanken machten, wie Leadership und Klimaschutz zueinander finden. Damals befand sich das Thema noch in den Kinderschuhen und heute hat sich dieses Bewusstsein zum Glück viel stärker professionalisiert. Nichtsdestotrotz sind wir immer noch am Anfang der Kurve. Wenn man sich mal die Adoption Curve anschaut, sind wir immer noch ganz am Anfang. Und die Unternehmen, die diesen Weg jetzt antreten, sind zwar sehr, sehr zahlreich, aber es werden über die nächsten Jahre noch sehr viel mehr werden.

Wie gelingt die Balance von Glaubwürdigkeit und Nachhaltigkeit, ohne in Richtung Greenwashing abzudriften?

Wenn ich die Nachhaltigkeitsaktivität eines Unternehmens betrachte, arbeite ich zur besseren Einschätzung mit einigen Faustregeln. Erst einmal geht es darum, ob sich das Unternehmen bei seiner Berechnung an dem Berechnungsstandard, dem Greenhouse Gas Protocol, orientierte, sich Reduktionsziele setzte, die es öffentlich kommuniziert und die Frage, ob und wie das Unternehmen seine Emissionen kompensiert. Fiel die Wahl auf seriöse Anbieter oder basierte die Kompensation eher auf einer Art Ablasshandel, bei dem das Unternehmen versucht, sich „freizukaufen“? Eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei die Transparenz. Je mehr Transparenz die Unternehmen über ihre Zahlen und ihren Fußabdruck geben – sowohl nach innen gegenüber ihren eigenen Mitarbeiter*innen als auch nach außen – desto besser. Wenn es um Greenwashing geht, läuten meine Alarmglocken zum Beispiel, wenn ein Unternehmen sich nur ein einziges Produkt anguckt. Wenn eine große Sportmarke sich beispielsweise nur einen Turnschuh raussucht, den sie aus Meeresplastik herstellt und damit Werbung macht, ohne die Emissionen und den Corporate Carbon Footprint ganzheitlich zu betrachten, klingt das zumindest schonmal fragwürdig.

Auch dort wird wieder die Zeitenwende deutlich. In der Vergangenheit wurden häufig immer nur einzelne Produkte betrachtet. Jetzt geht der Trend eher dahin, dass man erst einmal die gesamten Emissionen eines Unternehmens betrachtet und sich im Anschluss nochmal den einzelnen Produkten in der Tiefe widmet. Erste die Abgrenzung von Corporate Carbon Footprint zum Product Carbon Footprint bietet den Unternehmen die Möglichkeit, eine unternehmensweite Reduktionsstrategie zu implementieren.

Als du dich bei Outfittery mit der Berechnung eures CO2-Fußabdruckes beschäftigt hast, wurdest du von den vielen manuellen Schritten und Unmengen von Excel-Sheets überhäuft und hast im Zuge dessen Planetly gegründet. Auch wir erleben immer wieder, dass Unternehmen analog arbeiten und so absurde Dinge tun, wie Rechnungen auszudrucken, um sie dann wieder einzuscannen. Du sprichst immer gerne von Digital Disruption. Wie hilft sie Unternehmen und Entscheidern dabei, nachhaltige Wege zu gehen?

Das hast du schön erklärt und auch die Parallelen zwischen unseren Unternehmen deutlichgemacht. Ich habe neulich mal mit einem Bekannten darüber gesprochen und er hat mir von seinem Unternehmensslack-Channel „What the fuck?“ erzählt. Diese „What the fuck?“-Momente kennen wir alle, in denen wir uns fragen, ob die Dinge wirklich so passieren, wie sie passieren. Und dann gibt es Unternehmen wie wir, die sich dann auf die Fahne schreiben, es besser zu machen und mit ihren innovativen Ideen ein Unternehmen gründen. Gerade diese Unternehmen und Entscheider sind so wichtig, um die Welt vorwärtszubringen. Mithilfe unserer Software zum Beispiel kannst du deinen unternehmerischen Fußabdruck bis ins kleinste Detail analysieren und siehst, wie er sich mit der Zeit entwickelt – von der Logistik, Produktion bis hin zur Finance und IT. All das konntest du früher noch nicht, als diese Arbeit noch auf Excel-Sheets basierte. Deshalb hilft Digital Disruption Unternehmen dabei, große Daten bis ins kleinste Detail zu verarbeiten und sie in einfach verständliche Dashboards zu übersetzen, die dann Entscheidungsgrundlage für nachhaltige Entscheidungen sind.

Wie kann Digitalisierung das Leben der Menschen glücklicher machen, ohne sie von sich selbst zu entfremden?

Das ist eine große Frage. Ich glaube, dass es am Ende des Tages nicht die Digitalisierung ist, die uns glücklicher macht, sondern die Art, wie wir sie nutzen und wie wir sie einzusetzen wissen. Die Digitalisierung hat uns erlaubt, zu Hause zu sitzen und trotzdem mit den Kolleg*innen verbunden zu sein und so zu arbeiten, als wären wir im Büro. Wenn wir unsere Technik falsch einsetzen, kann es aber auf der anderen Seite dazu führen, dass wir nie abschalten und niemals ganz bei unseren Kindern sind, sondern immer nebenbei aufs Handy gucken – und das macht uns unglücklich. Ich glaube, es liegt in unserer Macht, die Möglichkeiten der Digitalisierung so zu nutzen, sodass sie uns sinnvoll erscheinen.

Was glaubst du, wie nachhaltige Technologien uns zukünftig dabei helfen, die nachhaltige Entwicklung weiter voranzutreiben, um unsere vereinbarten Klimaziele zu erreichen?

Die Technologie ist ein ganz entscheidender Schlüssel in diesem Puzzle. Zum einen, weil sie uns hilft, sehr viel klarer zu sehen, wo unsere Emissionen entstehen und zum anderen aber auch, weil Technologie uns hilft, in all unseren Abläufen effizienter zu werden. Zum Dritten wird uns Technologie zukünftig auch dabei helfen, all die Schadstoffe aus der Atmosphäre wieder rauszuholen. Ohne Technologie schaffen wir es einfach nicht. Gleichzeitig schaffen wir es aber auch nicht nur mit Technologie. Deshalb brauchen wir jetzt Regulierungen und Vorschriften durch die Politik, die Unternehmen, die eigenständig für ihr Handeln Verantwortung übernehmen und der Klimakrise mit klugen und innovativen Ideen begegnen – und zu guter Letzt natürlich auch die Verbraucher*innen. Ein einziger Teil allein reicht nicht mehr aus, um diese große Herausforderung zu stemmen. Jetzt ist es an der Zeit, sie am Schopf zu packen und sie gemeinschaftlich zu bewältigen.

Liebe Anna, vielen Dank für deine Zeit und das inspirierende Gespräch.

Gerne. Danke dir auch.

Jana Treptow
Jana ist Teil des Marketing-Teams und für redaktionelle Beiträge und die Betreuung des Blogs verantwortlich.

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