Digitale Souveränität & Datenhoheit: Warum Kontrolle wichtiger ist als der Serverstandort allein

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Über digitale Souveränität wird derzeit viel diskutiert, häufig mit großen Worten. Die Rede ist von der „Unabhängigkeit von US-Hyperscalern“ oder dem „digitalen Ausstieg“ aus amerikanischer Technologie, so, als wäre das eine Frage weniger Monate und des richtigen Anbieterwechsels. Diese Einschätzung teilen wir bei Amagno nicht. Wer das so behauptet, verspricht mehr, als sich derzeit halten lässt. Die folgende Einordnung basiert auf einem Gespräch mit Jens Büscher, Gründer und CEO von Amagno.

Die Realität sieht komplexer aus. Ein Großteil der Cloud-Infrastruktur, auf der europäische Unternehmen heute aufbauen, stammt von wenigen großen amerikanischen Anbietern. Dafür gibt es nachvollziehbare Gründe: Diese Plattformen sind technisch ausgereift, hochintegriert und bieten einen Funktionsumfang, den europäische Alternativen in dieser Breite bislang kaum erreichen, von Lastverteilung über Autoskalierung bis zu Sicherheitstechnologien, die über viele Jahre gewachsen sind. Ein Softwarehersteller, der seine gesamte Infrastruktur kurzfristig austauschen wollte, würde über Jahre den Anschluss an den internationalen Wettbewerb verlieren.

„Wer glaubt, sich als einzelnes Unternehmen oder sogar als Softwarehersteller von heute auf morgen aus dieser Abhängigkeit lösen zu können, unterschätzt die Dimension des Themas erheblich“, ordnet Jens Büscher, Gründer und CEO von Amagno, die Debatte ein. „Das ist keine Frage des politischen Willens allein, sondern eine Frage von Technologie, Kapital und Zeit – und da sind wir in Europa aktuell nicht auf Augenhöhe.“

Diese Abhängigkeit hat für Büscher auch eine unternehmerische Dimension, die über die politische Debatte hinausgeht. „Attraktive Preise bei den großen Cloud-Anbietern sind oft hoch subventioniert, solange Marktanteile gewonnen werden müssen. Ist die Marktmacht erst einmal da, drehen sich die Preise nach oben“, so Büscher. Als Beispiel nennt er die Preisentwicklung bei Microsoft 365, die sich über die letzten Jahre je nach Lizenzmodell kumuliert um rund 20 bis 30 Prozent erhöht hat. „Für uns als Softwarehersteller ist das eine reale Gefahr: Steigen die Kosten der Hyperscaler, geben wir das zwangsläufig an unsere Kunden weiter. Und sollte ein Anbieter eine Technologie eines Tages einstellen, weil sie sich wirtschaftlich nicht mehr lohnt, stehen Hersteller wie wir plötzlich ohne Alternative dar. Das ist keine Theorie, das haben wir zuletzt bei ganzen Produktsparten großer Anbieter gesehen.“

Ein realistischerer Blick auf das Thema

Genau deshalb lohnt sich eine differenziertere Betrachtung. Vollständige digitale Souveränität, verstanden als komplette Unabhängigkeit von internationalen Technologiekonzernen, ist für die meisten Unternehmen aktuell keine realistische Option und wird es auch kurzfristig nicht werden. Ein Grund dafür ist auch, dass europäische Alternativen bislang selten an die technische Tiefe und den Funktionsumfang der etablierten Plattformen heranreichen. „Es gibt gute Ansätze und Projekte aus Deutschland und Europa. Aber ein einzelnes Rechenzentrum, das Container und virtuelle Maschinen bereitstellt, reicht nicht. Es fehlt oft an Lastenausgleich, Autoskalierung und der Tiefe an Sicherheitstechnologien, die eine moderne Cloud-Infrastruktur braucht“, so Büscher. Ein kompletter Umstieg würde zudem bedeuten, dass sich Hersteller über Jahre fast ausschließlich mit dem Thema Souveränität beschäftigen müssten, während der internationale Wettbewerb weiter voranschreitet.

Sehr wohl möglich und sinnvoll ist es dagegen, die Kontrolle über den eigenen Datenbestand dort zurückzugewinnen, wo es konkret zählt.

Beim Dokumentenmanagement ist das an vielen Stellen der Fall. Verträge, Personalakten, Rechnungen, interne Kommunikation – hier liegen die sensibelsten Informationen eines Unternehmens. Wo diese Daten verarbeitet und gespeichert werden, entscheidet direkt darüber, welchem Rechtsraum sie unterliegen, wer im Zweifelsfall Zugriff verlangen kann und wie belastbar die eigene Antwort ausfällt, wenn ein Kunde, ein Wirtschaftsprüfer oder eine Aufsichtsbehörde danach fragt.

„Die große geopolitische Frage lösen wir mit einem Serverstandort nicht. Was wir aber lösen können, ist die Frage, wo die sensibelsten Dokumente eines Unternehmens liegen und wer im Zweifel Zugriff darauf verlangen kann“, so Büscher. „Genau an diesem Punkt haben Unternehmen heute schon eine echte Entscheidung zu treffen, unabhängig davon, wie sich die großen strukturellen Fragen der nächsten Jahre entwickeln. Besonders bei hochsensiblen Daten sehen wir übrigens wieder mehr Kunden, die sich bewusst für eine vollständig abgeschottete On-Premise-Lösung entscheiden, gerade weil der Zugriff aus Drittstaaten damit deutlich reduziert wird.“

Wie Amagno diesen Anspruch technisch umsetzt

Amagno wird ausschließlich in Microsoft-Azure-Rechenzentren in Deutschland betrieben. Das ist kein Nebenaspekt, sondern eine bewusste Entscheidung der Produktarchitektur. Die Daten liegen physisch in deutschen Rechenzentren, der Zugriff läuft über ein Datentreuhänder-Modell, sodass ohne gesonderte Zustimmung kein direkter Durchgriff auf Kundendaten möglich ist. In Kombination mit klar definierten Benutzerrollen, nachvollziehbaren Zugriffsprotokollen und einer lückenlosen Dokumentation sicherheitsrelevanter Aktivitäten entsteht ein hohes Maß an Kontrolle, auch wenn die zugrunde liegende Infrastruktur von einem internationalen Anbieter stammt.

Dass dieser Anspruch mehr ist als eine Marketingaussage, bestätigt seit April 2025 die ISO/IEC 27001-Zertifizierung, der international anerkannte Standard für Informationssicherheits-Managementsysteme. Geprüft wurden dabei sowohl die Amagno Business Cloud als auch die On-Premise-Lösung, im ersten Anlauf ohne Beanstandungen durch die unabhängigen Auditoren.

„Mit der ISO-Zertifizierung zeigen wir, dass unsere Prozesse zur Informationssicherheit klar definiert, dokumentiert und extern überprüfbar sind. Das schafft Transparenz für unsere Kunden und sichert gleichzeitig die langfristige Qualität unseres Sicherheitsniveaus“, erklärt Büscher. „Gerade in Zeiten zunehmender Cyberangriffe, wachsender regulatorischer Anforderungen und hoher Erwartungen an den Datenschutz ist ein strukturiertes Sicherheitskonzept entscheidend.“

Wer einen weiteren Schritt gehen möchte, kann Amagno vollständig On-Premise betreiben und behält die Daten damit komplett in der eigenen Infrastruktur, inklusive derselben ISO-zertifizierten Sicherheitsstandards.

Fazit: Kontrolle statt großer Versprechen

Ein Fazit, in dem „europäische Souveränität“ als gelöstes Problem präsentiert wird, wäre unredlich. Die großen strukturellen Fragen – Marktmacht einzelner Anbieter, Preisentwicklungen, technologische Abhängigkeiten – lassen sich mit dem Serverstandort eines einzelnen Softwareanbieters nicht auflösen, und das behaupten wir auch nicht. Selbst ein EU-weiter, hoch subventionierter Kraftakt würde nach Einschätzung von Büscher an der grundsätzlichen Marktmacht der etablierten Anbieter wenig ändern: „In den Dimensionen, über die wir bei den Hyperscalern sprechen, sind unsere bisherigen Bemühungen um Souveränität in Europa maximal ein kleiner Nadelstich.“

Langfristig hält Büscher denn auch einen anderen Weg für sinnvoller als den kompletten Alleingang: „Meine bevorzugte Lösung ist eine neue, wirklich vertrauenswürdige transatlantische Partnerschaft, mit einer klaren Einhaltung der Persönlichkeitsrechte auf beiden Seiten. Das ist ein Kurswechsel gegenüber den letzten Jahren, und ich sehe das aktuell als die sinnvollste, aber auch am weitesten entfernte Lösung.“ 

Was Unternehmen schon heute in der Hand haben: die Entscheidung, wo ihre sensibelsten Dokumente liegen, wer nachvollziehbar darauf zugreift und auf welchen Rechtsrahmen sie sich im Zweifel berufen können. „Diese Entscheidung muss niemand aufschieben, bis die großen politischen Fragen geklärt sind“, bringt es Büscher auf den Punkt. „Sie lässt sich heute treffen, mit einer klaren Wahl beim Anbieter und beim Standort der eigenen Daten.“

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