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22. September 2021

„Zukunftsforschung ist keine Voodoowissenschaft“

„Zukunftsforschung ist keine Voodoowissenschaft“

Am 20. Oktober 2021 ist Zukunftsforscher Lars Thomsen als Keynote-Speaker zu Gast auf der Amagno.Connect. Im Interview mit Amagnos CEO Jens Büscher sprach er unter anderem über seine Arbeit, über die Zukunft der Arbeit und der zunehmenden Relevanz von Digitalisierung, Blockchain-Technologien und Künstlicher Intelligenz.

Jens Büscher: Ihre Mutter war Kindergärtnerin und Ihr Vater Bauingenieur. Bei Diskussionen am Abendbrottisch ging es bei Ihnen wahrscheinlich öfter hoch her, wenn Vision auf Realität trifft, oder? Was haben Sie für sich daraus mitnehmen können?

Lars Thomsen: Schöne Frage. Als Kind und Heranwachsender erfuhr ich die Spannung zwischen dem Träumen oder Ausleben der Kreativität und der Frage des Machbaren. Ich lernte, dass man erst etwas bauen kann, wenn es auch den physikalischen Gesetzen genügt. Gleichzeitig lernte ich, mich mit kritischen Fragen auseinanderzusetzen: „Braucht das jemand?“ oder „Ist das sinnvoll?“ Dabei habe ich gemerkt, dass sowohl Utopie – also Gedanken über Dinge, die es (noch) nicht gibt – eine wichtige Rolle spielt, aber eben auch die technischen und ökonomischen Dimensionen nicht vernachlässigt werden dürfen. Wenn wir also von Innovation und Zukunft sprechen, müssen wir uns auch überlegen, wie sie sich umsetzen lassen. Wir müssen aber auch bereit sein, uns etwas vorzustellen, das es noch nicht gibt. Utopie bedeutet, dass wir unseren Kopf und unsere Kreativität nutzen; und uns die Zeit und den Raum zu nehmen, zu überlegen, wie es wäre wenn…

Das klingt so einfach.

Vielen Menschen fällt es schwer, sich darauf einfach mal einzulassen. Natürlich dürfen wir nicht nur Luftschlösser bauen, Träumer und Fantasten sein. Und natürlich braucht es auch genauso viele oder gar mehr, die all das umsetzen können. Die Frage „Glaube ich an das eine oder an das andere?“ kann dabei zu hitzigen Diskussionen führen. Mittel- bis langfristig werden sich jedoch die Innovationen durchsetzen, die Menschen mögen und für die sie bereit sind, Geld auszugeben, da ihr Leben damit besser wird. Insofern werden Innovatoren erste Angebote entwickeln, die Menschen ausprobieren können und auf deren Basis sie sich ihre Meinung bilden.

Für erfolgreiche Innovationen bedarf es drei Dinge: Ein Quäntchen Utopie, die Prüfung des Möglichen und innovative Menschen, die den Mut haben, sie auszuprobieren. Dann entscheidet der Kunde, ob die Ideen erfolgreich werden oder nicht. Wichtig dabei ist, dass wir uns mit Dingen auseinandersetzen und Entscheidungen auf einer informierten Basis treffen, anstatt es allein unserem Bauchgefühls zu überlassen oder der Frage, woran wir glauben oder eben auch nicht.

Sie sind ja Zukunftsforscher. Was macht ein Zukunftsforscher eigentlich? Wie viel von Ihrer Arbeit besteht aus dem Blick in die Kristallkugel und wie viel ist die Analyse und Auswertung von Daten und Fakten?

Es gibt eine lange Antwort und eine kurze. Ich fange mal mit der kurzen an. Am besten arbeitet man als Zukunftsforscher, wenn man neugierig bleibt und mit möglichst vielen Leuten spricht, die an der Zukunft arbeiten. Zukunftsforschung hat also weniger mit dem Lesen einer Kristallkugel und dem Auswerten und Analysieren von Daten und Fakten aus der Vergangenheit zu tun. Ich verbringe vielmehr viel Zeit damit, mich mit den Gedanken oder Themen innovativer Menschen zu beschäftigen, von denen ich lese oder höre – das können Beiträge auf einem Kongress sein, Fachartikel oder Personen, die neue Konzepte vorschlagen. Dann überlege ich mir, wie ich diese Utopie einschätze und wie, wann und zu welchen Kosten dies umzusetzen wäre.

Oftmals treten wir dann sogar in einen direkten Austausch mit diesen Menschen. Wir fragen unsere Gesprächspartner, zu welchem Zeitpunkt sie die Tipping Points einschätzen, wann sie die Disruption erwarten oder wie es um die ökonomischen Aspekte steht. Wenn man jedes Jahr mit hunderten von Leuten spricht, die an der Zukunft arbeiten, bekommt man ein gutes Bild davon, was im Moment so läuft und woran gearbeitet wird. Zukunftsforschung ist also keine Voodoowissenschaft, kein Kristallkugellesen oder eine besondere Fähigkeit, sondern eine gute Mischung aus Neugier und Spaß an Innovationen.

Aber macht Veränderung nicht auch Angst?

Ich denke, dass wir nur Angst vor den Dingen haben, die wir nicht kennen – und das lässt sich auf zahlreiche Bereiche unseres Lebens und unserer Kultur übertragen. Hat man keinen Kontakt zu anderen Kulturen, hat man wahrscheinlich mehr Angst davor, als wenn man damit schon als Kind aufgewachsen ist. Sobald man die Menschen aus anderen Kulturen kennenlernt, merkt man, dass sie ähnliche Gedanken, Gefühle und Themen haben, wie man selbst und dann baut sich die Angst ganz von allein ab. Mit Zukunft und Innovationen ist es eigentlich genauso. Sobald man sich zum Beispiel mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt, kann man diese besser differenzieren und somit deren Potentiale und Gefahren besser ein- und abschätzen.

Unsere ECM-Branche lebt davon, dass bereits strukturierte digitale Daten in ein fast unauswertbares Dokument konvertiert, dann oft als Papier transportiert und schließlich durch eine ECM-Lösung beim Empfänger wieder in verwertbare Daten für Schnittstellen, Prozesse und rechtskonforme Ablagen gewandelt werden. Ich halte dies für überaltert und unsere Branche auch für endlich, denn es kann fast alles automatisiert werden und digital ablaufen. Wie sehen Sie und Ihr Team dieses Thema?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie lange Prozesse dauern. Schließlich haben wir schon in den 80er und 90er Jahren über Medienbrüche gesprochen und es ist einfach komplett logisch, dass das Abtippen von Dokumenten oder Ausdrucken von Rechnungen totaler Wahnsinn ist. Meiner Meinung nach ist der Begriff „Digitalisierung“ bei Weitem keiner, der beschreibt, was im Moment stattfindet. Ganz nüchtern betrachtet ist Digitalisierung der Trend, bei dem wir von analogen Technologien auf digitale umschwenken. Eigentlich haben wir auch schon fast alles digitalisiert – bis auf eben diese noch verbliebenen Brüche oder Schnittstellen. Diese kosten Unternehmen und Volkswirtschaften enorm viel Produktivität und Geld. Natürlich spielen rechtliche Aspekte bzw. Art, wie konsequent sich die Gesetzgebung mit diesen Potentialen auseinandersetzt, ebenfalls eine Rolle. Doch wir stehen immer stärker in einem globalen Wettbewerb um Effizienz und Qualität, sodass diesem Problem, das Sie gerade beschrieben haben, nochmal mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden wird.

Auch Nebentrends, wie Blockchain-Technologien und Künstliche Intelligenz, werden zukünftig einen großen Einfluss darauf haben, wie wir Prozesse definieren und verstehen. Viele Routinen, die heute noch von Menschen bearbeitet werden, werden in naher Zukunft komplett von intelligenten IT-Systemen übernommen. Dies ist ein großer Umbruch, der für viele Menschen den Begriff Arbeit neu definieren wird. Ich spreche immer gern von 260 Wochen; also den kommenden fünf Jahren. Es sieht so aus, als würde dieser Umbruch in dieser Zeit in weiten Teilen unserer Wirtschaft vollzogen werden. Denn jetzt kommen diese verschiedenen Technologien zusammen – sie sind verfügbar, sie sind standardisiert und sie machen auf einmal in ihrer intelligenten Kombination Sinn. Sie nicht zu nutzen, kommt im Grunde genommen einer Kapitulation gleich. Also die Firmen, die es nicht annehmen werden, werden kaum mehr wirtschaftlich arbeiten können. Und es kommt noch ein Aspekt hinzu: Wir haben es eben nicht nur mit Künstlicher Intelligenz, Digitalisierung und Blockchain zu tun, sondern wir werden viele mechanische Arbeiten auch automatisieren und roboterisieren.

…Und immer mehr der Dinge, die wir einst für unmöglich hielten, werden jetzt mehr und mehr Realität.

Ja, das sehe ich mit meinem Team auch. Das ist eben das Gefährliche bei Disruptionen. Wir haben eben exponentielle Entwicklungen, die unserem normalen linearen Denken widersprechen. Nur weil wir letztes Jahr zwei oder drei Prozent Effizienzverbesserung hatten, heißt das nicht, dass es für die nächsten Jahre so weiter geht. Viele Unternehmen und Industrien haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass sie Trends zu spät erkennen und dann schnell den Anschluss verlieren. Als Unternehmen nicht auch in disruptive Kategorien denken zu können, ist für viele Firmen die größte Ursache des Scheiterns.

Heißt, wir müssen auch den Begriff der Arbeit neu denken?

Ja, genau. Bis die Dampfmaschine erfunden wurde dachten wir, dass Arbeit und Produktion durch die Knappheit von Muskeln beschränkt ist. Diese eine singuläre Innovation hat in den Folge-Jahrzehnten unsere gesamte Industrie und Gesellschaft verändert, weil auf einmal eben nicht mehr die Muskelkraft das bestimmende Element unserer Arbeit war, sondern unser Können, unser Wissen – und unsere Fähigkeit, mit der Mustererkennung unseres Gehirns zu lernen und Prozesse zu gestalten.

Bei Future Matters werten wir die Künstliche Intelligenz als die neue Dampfmaschine unseres Jahrhunderts, weil wir jetzt komplett neu definieren, wofür eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter morgens aufsteht und sich zu einem Schreibtisch bewegen muss und was die Inhalte seiner/ihrer produktiven Tätigkeiten sind. Dabei sind viele Aspekte unserer Arbeit weit unter dem, was wir eigentlich könnten. Und wir müssen uns einfach darauf einstellen, dass eine E-Mail zu lesen, sie zu verstehen und darauf zu antworten zukünftig keine Arbeit mehr sein wird. Diese Tatsache wird eine Vielzahl der aktuellen Jobs grundlegend neu definieren. Selbiges gilt für die Frage der Wertschöpfung: „Bin ich bereit, jemandem 5.000 Euro im Monat zu bezahlen, damit er an einer Maschine sitzt und E-Mails liest, empfängt oder meine Rechnungen verbucht?“ Die Antwort darauf ist ganz klar: nein!

Nicht nur durch Corona sondern auch durch eine neue Mitarbeitergeneration verändert sich das Denken über den Sinn der Arbeit und wie man als Mitarbeiter geführt werden möchte. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Eigentlich sind wir Menschen immer auf der Suche danach, unser Leben angenehmer, komfortabler oder weniger arbeits- und stressintensiv zu machen. Eigentlich ist das, was jetzt passiert, Teil einer ganz langen Kette der menschlichen Innovation. Warum haben wir das Rad erfunden? Weil es sich als einfacher und effizienter herausgestellt hat, Dinge auf Rädern zu transportieren, als sie mit den Füßen zu tragen. Wir sitzen derzeit aber oft nine to five am Schreibtisch, ohne unser Tun nur ansatzweise infrage zu stellen. Auf der anderen Seite sehen wir Leute, die sehr selbstbestimmt lernen, arbeiten, reisen und darüber nachdenken wie, wann und wo sie arbeiten möchten – Und das alles, weil die Digitalisierung es möglich macht. Allein in den letzten 260 Wochen haben sich ganz neue Berufe und Tätigkeiten gebildet, für die es noch nicht mal Ausbildungsgänge gibt. Nehmen wir als Beispiel Influenzer auf Youtube, die mit ihren Kanälen manchmal mehr Menschen erreichen als nationale Fernsehsender. Wir sollten wir vielleicht einfach mal ein bisschen hinter die Kulissen schauen und uns fragen, was das möglich macht, was es bedeutet und was wir daraus lernen können.

Wir stehen kurz vor einem weiteren riesigen Umbruch, der für unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Politik sicher nicht einfach werden wird. Für einige wird er gut sein, aber viele Leute werden auch versuchen, diesen Umbruch mit all ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen oder zu verzögern. Es ist unserer Entscheidung, ob wir mit Umbrüchen und Innovationen produktiv und wertstiftend umgehen oder darauf hoffen, dass alles bleibt, wie es immer war.

Herr Thomsen, vielen Dank für das interessante Gespräch.

Vielen Dank auch!

Jana Treptow
Jana ist Teil des Marketing-Teams und für redaktionelle Beiträge und die Betreuung des Blogs verantwortlich.

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