24. Juni 2020

Digitalisierung ist, was wir daraus machen

Digitalisierung ist, was wir daraus machen

Selbstfahrende Autos, intelligente Sprachassistenten und ständige Erreichbarkeit – unsere digitale Welt scheint, als wäre sie eine unaufhaltsame Lawine, die uns bald zu überrollen droht. Für viele bedeutet das in Konsequenz: Flucht statt Angriff. Doch lautet die Zauberformel da nicht eher, den Mehrwert der Technik zu erforschen und die Welt neu zu denken, anstatt kapitulierend den Kopf in den Sand zu stecken?

 

Ein Essay* von Jana Treptow

6:30 Uhr: Lautstark und viel zu früh werden wir mal wieder von unserem Wecker aus den Träumen gerissen. Vollkommen schlaftrunken und noch gefesselt in unsere Traumwelt, greifen viele von uns dann wahrscheinlich reflexartig zu ihrem smarten Alleskönner.

Während die einen versuchen, ihn durch wildes Tippen auf ihr Display nur noch für einen Moment verstummen zu lassen, swipen andere wie ganz selbstverständlich auf „Wecker ausschalten“, öffnen wie im Autopilot die App mit dem blauen „f“ und werden durch die Vielzahl an Informationen mit rasender Geschwindigkeit direkt aus ihrer Traumwelt in die digitalen Sphären katapultiert.

Druck, Druck und noch mehr Druck

Zurück auf dem harten Boden der Tatsachen angekommen, denken wir an die anstehenden Abgabetermine für die Weiterbildung, die vielen privaten Projekte und die immer länger werdende To-Do-Liste auf der Arbeit – Besonders wir Deutschen sind Meister darin, über unseren stressigen und schnelllebigen Alltag zu lamentieren. Auch auf der Arbeit scheinen uns die Aufgaben, der Druck und die Geschwindigkeit zunehmend zuzusetzen. So beklagen laut einer Umfrage des Versicherungs- und Finanzberatungsunternehmens Swiss Life in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut YouGov zwei von drei Deutschen ein hohen Stresslevel in ihrem Job.

Aber ist das verwunderlich, wenn wir uns selbst nicht einmal die Zeit unmittelbar nach dem Aufwachen schenken, um unsere Umgebung und unser Empfinden wahrzunehmen und erstmal richtig „wach“ zu werden? Dabei gibt es doch fast nichts Schöneres, als morgens aufzuwachen, während die Sonne sanft unsere Nasenspitze kitzelt, wir den wunderbar herrlichen Duft von frisch gerösteten Kaffeebohnen in unserer Nase wahrnehmen und spüren, wie sich unser Körper ganz entspannt der Matratze anschmiegt und sich energiegeladen auf die bevorstehenden Ereignisse des Tages freut. Der Geruch von Kaffee ist übrigens nicht einfach nur fabelhaft, sondern steigert auch noch ganz nebenbei unsere Motivation und stärkt unsere kognitiven Fähigkeiten. Das ergab eine im Journal of Environmental Psychology veröffentlichten Studie aus 2018.

Wieso gewähren wir uns diese fast magischen Momente so selten, wenn sie uns doch so guttun? Wieso müssen wir noch vor dem ersten Kaffee die erste Mail verschicken und uns in den sozialen Medien umschauen? Was daran ist so wichtig, dass es nicht auch bis nach dem Frühstück warten kann? Den Stress, den wir immer wieder beklagen, machen wir uns doch selbst. Vielleicht gibt es auch kleine Männchen, die uns vorschreiben, dass die ersten Mails und Nachrichten noch vor dem eigentlichen Start in den Tag beantwortet werden müssen. Aber dann haben sie mich bei der Informationsweitergabe wohl oder übel vergessen.

Früher? War alles besser!

Der Teufel auf unserer Schulter würde jetzt vielleicht behaupten, dass früher alles besser war und die Digitalisierung mitsamt ihren ach so tollen Technologien schuld an allem Übel ist; und der rasende technologische Fortschritt unsere Menschheit langsam, aber sicher in den Abgrund treibt. Doch wieso haben wir zunehmend das Gefühl, dem digitalen Wandel nicht gewachsen zu sein?

Während Erfindungen wie die Eisenbahn, das Auto oder das Telefon noch Jahrzehnte brauchten, um sich vollständig in den Alltag der Menschen zu integrieren, schafften es der Computer, das Smartphone und das Internet in wesentlich kürzerer Zeit. Unsere heutige Gesellschaft gibt sich nicht mehr damit zufrieden, ein Handy zu haben. Es muss neuer sein. Schneller sein. Besser sein. Und mehr können als das der anderen. Unternehmen sind diesem Konsumzwang regelrecht ausgesetzt, sodass sich ein enormes Tempo beim technologischen Wettrüsten einschleicht und wir versuchen, dieser Geschwindigkeit hinterher zu galoppieren.

Dass sich viele bei der ganzen Schnelllebigkeit dann gern an die Zeiten zurückerinnern, in denen alles besser zu sein schien, ist kaum verwunderlich. So mancher Nostalgiker erinnert sich dann gerne an die Ära der Walkmans zurück: „Damals nahmen die Jungs ihrem Schwarm im Kerzenschein ihr Lieblingsmixtape auf. Das wurde dann so oft rauf und runter gehört, bis das Tonband anfing zu leiern. Also nahm man einen Bleistift zur Hand und friemelte den Bandsalat mühselig wieder ein.“

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Ja, die Glorifizierung unserer Vergangenheit ist durchaus nachvollziehbar. Besonders bei unserer medialen Berichterstattung über aufgedeckte Datenlecks, gefährliche Sicherheitslücken – und natürlich zahlreiche Künstliche Intelligenzen (KI), die uns schon bald unsere Arbeit wegnehmen und Cyborgs im Zuge dessen die Weltherrschaft an sich reißen werden. Kein Wunder, dass dabei der scheinbare Eindruck entsteht, früher sei alles besser gewesen. Vielleicht sollten wir aber auch mal ein Blick hinter die Kulissen wagen und die Thematik nicht nur auf oberflächlicher, ablehnender Ebene beleuchten.

Betrachten wir die Digitalisierung mal ein wenig differenzierter, fällt uns auf, dass sie uns mitsamt ihren Algorithmen nämlich massiv im Alltag unterstützt. In der Essener Universitätsklinik zum Beispiel. Dort gehen intelligente KIs den Ärzten bei OPs zur Hand. Wieso? Das ist leicht zu erklären. Künstliche Intelligenzen müssen nämlich nicht immer eine menschenähnliche Gestalt annehmen, mit zwei süßen Kulleräugchen, einer Nase, einem Mund und zwei helfenden Armen. Oft sind es einfach kleine Maschinchen, die vollkommen unscheinbar wie ein herkömmliches Gerät aussehen, aber oftmals Großes im Schilde führen. So besitzen robotergestützte OP-Systeme beispielsweise den entscheidenden Vorteil gegenüber uns Menschen, dass sie zitterfrei und millimetergenau arbeiten. Bei dem Einsatz der kleinen Wundertechnologien geht es in aller erster Linie nicht um den Ersatz von Menschen, sondern vielmehr darum, das Personal bei ihrer Arbeit zu unterstützen, damit Patentinnen und Patienten noch kompetenter geholfen werden kann und sie schneller genesen.

Oder in der Automobilindustrie. Die allermeisten Verkehrsunfälle passieren aufgrund menschlichen Fehlverhaltens. Hätten wir Autos, die mithilfe von Sensoren miteinander kommunizieren, durch Algorithmen unsere Wege berechnen und uns anschließend autonom an unsere Wunschorte befördern würden, würde sich die Verkehrssicherheit auf den Straßen deutlich erhöhen.

Allein in Deutschland gab es 2019 laut Angabe des ADAC in Deutschland 3059 Verkehrstote. Zwar ist die Zahl so gering wie nie zu vor; dennoch sind es immer noch 3059 Menschen zu viel. Aber nicht nur der steigende Sicherheitsfaktor spricht für das autonome Fahren. Die Passagiere könnten sich zurücklehnen und ihre freie Fahrzeit sinnvoll nutzen und außerdem ihren Komfort steigern, weil sie ihre Augen nicht ständig auf die Straße und den Verkehr richten müssten. Und ganz nebenbei würden sie durch den optimierten Verkehrsfluss noch für einen geringeren CO²-Ausstoß und somit für weniger Umweltbelastungen sorgen.

Im Arbeitsalltag unterstützt uns intelligente Software dabei, unsere fehleranfälligen und langwierigen analogen Arbeitsprozesse zu revolutionieren. Könnten wir beispielsweise immer und von überall auf unser Arbeitsmaterial zugreifen, ohne es erst mühsam in unseren Ordnern heraussuchen zu müssen, spart das nicht nur Zeit und Nerven, sondern wir sind unseren Mitstreitern auch noch einen Schritt voraus, weil wir schnell und flexibel agieren können.

Nimmt auch Virtual Reality (VR) weiter Fahrt auf wie zurzeit, könnten wir uns zukünftig mit unseren Geschäftspartnern treffen, ohne tatsächlich physisch anwesend zu sein. Prozesse würden vereinfacht und effizienter gestaltet werden. Vor allem aber würde das Verhalten sich sehr positiv auf unser Klima und die Umwelt auswirken. Könnten wir unsere Geschäftsanbahnungen über VR erledigen, würden wir uns nicht mehr für einen einstündigen Kundentermin in den Flieger setzen, sondern träfen unser Gegenüber als Hologramm im virtuellen Raum. Außerdem wären wir effizienter, weil wir ohne elendiges Gurken durchs Land mehr Kunden in weniger Zeit bedienen würden.

Entschleunigung, wo bist du?

Diese futuristischen Szenarien der Arbeitswelt, die der Blick in unsere Kristallkugel zeigt, haben schon einen gewissen Charme, oder? Aber im Privaten scheinen wir mit der Digitalisierung nach wie vor den Gedanken von „höher, schneller, weiter“ verfolgen zu wollen. Dass das einen gestressten Geist und ein rastloses Gemüt mit sich bringt, ist da wenig verwunderlich.

Um dem zu entfliehen, werden vermehrt Reiseangebote offeriert, die eine handyfreie Zeit versprechen, Hotels in den Bergen, in denen es kein WLAN gibt oder den „Zen Mode“ im Handy, der einem für eine gewisse Zeit den Zugriff aufs System verwehrt. All das, um uns endlich wieder mit uns selbst zu beschäftigen und das Smartphone mal hintenanzustellen. Klingt ja zunächst vielversprechend.

Ich wollte wissen, wie sehr diese Versprechen unseren Alltag tatsächlich entschleunigen und entschied mich kurzerhand dazu, den Zen-Modus meines Smartphones einmal auszuprobieren. In meinem Freundeskreis war ich immer diejenige, die große Töne spuckte, als es um das Thema Entschleunigung ging. Für mich sei es kein Problem, wenn ich eines Morgens ohne dieses Teufelsding aka Smartphone auf einer einsamen Insel aufwachen würde. Also müsste ich dem Experiment ja mühelos gewachsen sein. So dachte ich zumindest.

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Dann kam der besagte Tag X. Die Mutprobe sozusagen. Ich stellte leichtlebig eine „Zen-Zeit“ von einer Stunde ein und drückte, vollkommen euphorisch, auf diesen Knopf, als mein smarter Alleskönner mit einem schwarzen Bildschirm verstummte. „Toll“ dachte ich und widmete mich motiviert und in aktiviertem Entspannungsmodus meinem Lieblingsbuch. Nach knapp zehn Minuten entschloss sich mein blubbernder Kühlschrank, mich in meinem Zen-Modus zu stören. Er wurde lauter und lauter und fing in schrillem Ton zu fiepen an. Gedankenverloren ging ich zu meinem Handy, um Musik zu starten und das Fiepen zu übertönen. Als ich es in die Hand nehmen wollte fiel mir ein: „Moment, du bist doch im Zen-Mode. Du kannst deine Musik gar nicht öffnen.“ Frustriert ließ ich mich wieder aufs Sofa fallen und las weiter. Das Fiepen meines Kühlschranks wurde nach kurzer Zeit so penetrant, dass ich irgendwann das Buch weg lag und mich dazu entschloss, vollkommen genervt meine Küche zu putzen.

Von der anfangs eintretenden Entspannung war jetzt wirklich nicht mehr viel zu merken. Nach getaner Arbeit tippte ich wutentbrannt auf meinen digitalen Alleskönner ein, um zu versuchen, diesem Modus vielleicht doch noch irgendwie zu entkommen. Vergeblich. Anstelle dessen erhellte sich das Display und eine scheinbare Motivation ploppte auf: „Chill out and relax. Es bleiben dir 39 entspannte Minuten, um dich zurückzulehnen und zu entspannen. Du machst das großartig!“ „NOCH NEUNUNDDREIßIG VERDAMMTE MINUTEN“ dachte ich fuchsteufelswild. Ich atmete tief durch, um mein Handy nicht einfach „aus Versehen“ mit Karacho vom Tisch zu pfeffern, machte mir kapitulierend eine leckere Tasse Tee und ließ mir ein heißes Entspannungsbad ein.

Wenn der Fortschritt immer schneller zu werden droht und wir getrieben sind, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu erledigen, liegt es an uns, auf „Pause“ drücken, runterzukommen und einen Boxenstopp einzulegen. Ob auf der Arbeit, zu Hause oder im Urlaub – Gelegenheiten gibt es zuhauf. Wir müssen sie nur ergreifen.

„Den“ Weg gibt es nicht

Wie bei fast allem, gibt es auch bei der Digitalisierung und beim digitalen Wandel zwei Seiten der Medaille. Unsere Welt und unsere Gesellschaft befinden sich in einem stetigen Wandel. Dank Henry Ford wurde die repetitive Fließbandarbeit revolutioniert, Carl von Linde brachte die Entwicklung des Kühlschranks voran und Steve Jobs sorgte dafür, dass ab 2007 viele von uns mit angebissenen Äpfeln herumlaufen, mit denen nicht nur telefoniert und geschrieben, sondern auch produktiv gearbeitet werden kann. Im Laufe der Zeit haben wir uns verändert und stetig weiterentwickelt. Wir werden es auch weiterhin tun und das ist auch gut so. Jobs und Berufe unterlagen mit der Zeit der Obsoleszenz und neue Berufsfelder sind entstanden.

Sich von den sozialen Kanälen abzumelden, nur noch offline einzukaufen und ausschließlich mit Bargeld zu bezahlen, ist ein Weg, sich aus diesem digitalen Dilemma zu befreien. Doch ist er wirklich die Lösung, um der Misere der Digitalisierung gänzlich zu entkommen? Es ist an der Zeit, uns von unserem Schwarz-Weiß-Denken zu verabschieden und stattdessen reflektiert über den Tellerrand zu blicken und zu realisieren, welche ungeheuren Chancen und Potenziale sich aus der digitalen Transformation herauskristallisieren. Für Bildung und Wissenschaft. Gesellschaft und Umwelt. Wirtschaft. Gesundheit. Und letztendlich: für uns alle.

Digitalisierung ist kein Feind, der alles versucht, um uns zu zerstören. Digitale Technologien wie autonome Fahrzeuge, Künstliche Intelligenzen und humaniode Roboter sind unsere Zukunft, die uns dabei unterstützen, voranzukommen und nicht stehen zu bleiben. Digitalisierung, das, was wir daraus machen. Und wenn wir lernen, neuen Dingen vorsichtig, aber mit Neugier zu begegnen und unsere Angst nicht nur als negativ, sondern vielmehr als positiven Katalysator zu sehen, können wir nur gewinnen.

* Ein Essay ist eine Abhandlung, die eine literarische oder wissenschaftliche Frage in knapper und anspruchsvoller Form behandelt (Duden)

Jana Treptow
Jana ist Teil des Marketing-Teams und für redaktionelle Beiträge und die Betreuung des Blogs verantwortlich.

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